Schritt für Schritt von der Fremd- zur Selbstregulation
Selbstreguliertes Lernen (SRL) bedeutet nicht, dass Schüler:innen mit ihren Lernaufgaben allein gelassen werden. Vielmehr werden sie im Prozess der zunehmenden Selbstregulation gezielt gefördert, begleitet und unterstützt. Die Entwicklung von der Fremd- zur Selbstregulation erfolgt durch das schrittweise Übernehmen der Verantwortung für das eigene Lernen und die Kontrolle darüber. Dies setzt voraus, dass die Schüler:innen die entsprechenden SRL-Kompetenzen erwerben, um Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen zu können.
Die SRL-Förderung beinhaltet somit eine graduelle Verlagerung der Steuerung: von der Fremdregulation durch die Lehrperson hin zur Selbstregulation durch die Schüler:innen. Dieser Übergang entspricht dem Prinzip des Cognitive Apprenticeship (Collins et al., 1989), bei dem die Unterstützung der Lehrperson allmählich abgebaut und durch die Selbststeuerung der Schüler:innen ersetzt wird.
Zu Beginn der SRL-Förderung übernimmt die Lehrperson die Führung aktiv. Sie zeigt Strategien vor, erklärt deren Anwendung und bietet verschiedene Übungsmöglichkeiten. Im weiteren Verlauf der Förderung leitet und begleitet die Lehrerperson die selbstständige Anwendung der Strategien durch die Schüler:innen. Sie gestaltet die Aufgaben und Lernumgebung so, dass die Schüler:innen mehrfach ermutigt werden, Strategien anzuwenden. Sie gibt den Schüler:innen Feedback zum Strategieeinsatz und regt sie zur Reflexion an.
Abbildung 1: Von der Fremd- zur Selbstregulation (adaptiert nach Karlen et al., 2022, S. 19)
Die vier Stufen
Der Prozess von der Fremd- zur Selbstregulation umfasst vier Stufen.
- Ausführung
Schüler:innen führen Vorgaben der Lehrperson aus. SRL wird nur zufällig angewendet.
Die Lehrperson übernimmt die Fremdregulation: anweisen, instruieren, vorgeben. - Nachahmung
Schüler:innen wenden SRL nach expliziter Aufforderung an. Erfolgreiche Anwendung ist teilweise gegeben.
Die Lehrperson vermittelt SRL-Strategien direkt: modellieren, demonstrieren, gemeinsam üben, aktiv begleiten. - Selbstkontrolle
Schüler:innen handeln zunehmend selbstständig, werden jedoch weiterhin aktiv begleitet. SRL wird spontaner und erfolgreicher eingesetzt.
Die Lehrperson fördert SRL indirekt und wirkt als Lernbegleiterin: Lernaufgaben und Lernumgebungen, die Freiräume und Mitgestaltung zulassen. SRL soll aktiv angewendet werden. - Selbstregulation
Schüler:innen überwachen und regulieren ihr Lernen eigenständig. Sie setzen SRL adaptiv in verschiedenen Situationen ein.
Die Lehrperson gibt Verantwortung ab: adaptive Unterstützung, grössere Autonomie gewähren.
Der dargestellte Prozess verläuft nicht zwingend linear. Wie auch beim Erwerb fachlicher Kompetenzen zeigen sich dabei individuelle Unterschiede: Lernende mit gut entwickelten SRL-Fähigkeiten profitieren stark von offenen Aufgabenformaten und stärken dadurch ihre Überzeugung, erfolgreich lernen zu können. Hingegen können Schüler:innen mit geringerer SRL-Kompetenz in solchen Situationen überfordert sein und daher eine intensivere Unterstützung durch die Lehrperson benötigen (Callan et al., 2021, van de Pol et al., 2010). Je nach SRL-Fähigkeiten der Schüler:innen oder zu lösende Aufgabe ist es möglicherweise notwendig, eine Stufe zurückzugehen. Wenn Schüler:innen in der Stufe drei «Selbstkontrolle» beispielweise eine Strategie falsch anwenden oder unpassend einsetzen, macht es durchaus Sinn, dass die Lehrperson eine Strategie nochmals erklärt oder eine neue Strategie demonstriert. Für Lehrpersonen bedeutet dies, ein adaptives Unterrichten (Corno, 2008). Im adaptiven Unterricht wird der Lernprozess der Schüler:innen flexibel und bedürfnisorientiert gestaltet und die Unterstützung laufend an die Bedürfnisse der Lernenden angepasst. Hierfür beobachtet und schätzt die Lehrperson die SRL-Kompetenzen der Schüler:innen fortlaufend ein. Auf Grundlage der Einschätzung kann die Lehrperson die SRL-Förderung reflektieren und anpassen. Ein wichtiger Bestandteil des adaptiven Unterrichts ist somit das Scaffolding.
Warum ist dieser Prozess wichtig?
Der schrittweise Aufbau von SRL-Kompetenzen ermöglicht es,
- Überforderung zu vermeiden
- ein breites Repertoire an Strategien aufzubauen,
- Herausforderungen mit Zuversicht zu meistern,
- die psychologischen Grundbedürfnisse der Schüler:innen nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit zunehmend selbst befriedigen zu können (Ryan & Deci, 2020).
Die Lehrperson bleibt dabei eine zentrale Begleiterin: Sie schafft Lernaufgaben und Lernumgebungen, die Sicherheit und Orientierung bieten, und gibt Verantwortung schrittweise ab, sobald die Schüler:innen bereit sind.
Quellen
Collins, A., Brown, J. S., & Newman, S. E. (1989). Cognitive Apprenticeship: Teaching the Crafts of Reading, Writing, and Mathematics. In L. B. Resnick (Ed.), Knowing, Learning, and Instruction: Essays in Honor of Robert Glaser (pp. 453–494). Lawrence Erlbaum Associates.
Corno, L. (2008). On Teaching Adaptively. Educational Psychologist, 43(3), 161–173. https://doi.org/10.1080/00461520802178466
Karlen, Y., Bühlmann, F., Compagnoni, M., Pfaffhauser, R., Schuler, N., & Zimmerli, C. (2022). Überfachliche Kompetenzen stärken. Anregungen für die Planung, Förderung und Einschätzung überfachlicher Kompetenzen. Pädagogische Hochschule FHNW. https://dx.doi.org/10.26041/fhnw-4237
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2020). Intrinsic and extrinsic motivation from a self-determination theory perspective: Definitions, theory, practices, and future directions. Contemporary Educational Psychology, 61. https://doi.org/10.1016/j.cedpsych.2020.101860
van de Pol, J., Volman, M., & Beishuizen, J. (2010). Scaffolding in Teacher-Student Interaction: A Decade of Research. Educational Psychology Review, 22(3), 271–296. https://doi.org/10.1007/s10648-010-9127-6