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Was ist selbstreguliertes Lernen?

Yves Karlen und Lucia Held, Universität Zürich und Dienststelle Volksschulbildung Kanton Luzern (November 2025)

Das SRL-Turbinen-Modell: Selbstreguliertes Lernen ganzheitlich verstehen und fördern

Die Fähigkeit zum selbstregulierten Lernen (SRL) ist für Kinder und Jugendliche von zentraler Bedeutung. Sie trägt wesentlich zu ihrem Wohlbefinden, ihrer persönlichen Entfaltung und ihrer Entwicklung bei. SRL-Kompetenzen stehen in einem positiven Zusammenhang mit schulischen Leistungen und stärken Kinder und Jugendliche darin, Lernprozesse aktiv, eigenverantwortlich und erfolgreich zu gestalten. SRL ist eine zentrale Kompetenz für das lebenslange Lernen.

SRL bedeutet, dass Schüler:innen ihren Lernprozess aktiv, strategisch und reflektiert gestalten – von der Vorbereitung über die Durchführung bis hin zur abschliessenden Reflexion. Damit dies gelingt, benötigen sie lernförderliche Überzeugungen, geeignete Strategien sowie Wissen darüber, wie sie ihren Lernprozess wirksam überwachen und steuern können (Boekaerts, 1999; Zimmerman, 2000).

Das SRL-Turbinen-Modell (siehe Abbildung) dient als Orientierungshilfe, um die Komplexität des SRL sichtbar zu machen. Es verdeutlicht, dass SRL ein dynamischer Prozess ist, der sich in drei Phasen gliedert – Vorbereitung, Durchführung und Reflexion – und dabei verschiedene Kompetenzbereiche ineinandergreifen: Kognition, Metakognition, Motivation, Emotionen, Ressourcen und Mindsets (Karlen, 2026).

Die Turbine ist dabei mehr als nur eine bildhafte Darstellung – sie symbolisiert den inneren Antrieb des Lernens. Wie bei einer echten Turbine entsteht Energie erst durch das Zusammenspiel ihrer einzelnen Komponenten. Je stärker die sechs Kompetenzbereiche ausgeprägt sind und je besser sie miteinander in Beziehung stehen, desto kraftvoller und nachhaltiger verläuft der Lernprozess.

Abbildung 1: Das Turbinen-Modell des selbstregulierten Lernens

Die sechs Kompetenzbereiche - die "Rotorblätter" der Turbine

Kognition
Kognitive Prozesse umfassen die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen. Selbstregulierte Lernende setzen gezielt Strategien ein, wie zum Beispiel:

  • Aktivierung von Vorwissen (z. B. durch Vorwissenskarten),
  • Strukturierung von Inhalten (z. B. durch Concept Maps),
  • Veranschaulichung durch eigene Beispiele,
  • Fragen an den Text stellen, um das Verständnis zu fördern.

Metakognition
Metakognition bedeutet "Denken über das eigene Denken" und umfasst:

  • Metakognitives Wissen (Personen-, Aufgaben-, und Strategiewissen),
  • Metakognitive egulation (Planungs-, Überwachungs- und Evaluationsstrategien)
    Diese Strategien ermöglichen Lernenden, ihren Lernprozess bewusst zu planen, überwachen und anzupassen.

Motivation
Motivation liefert die Energie für den Lernprozess. Zentral ist die Selbstwirksamkeit (Bandura, 1997): die Überzeugung, durch eigenes Handeln erfolgreich zu sein. Lernende können ihre Motivation durch motivationale Regulationsstrategien wie Zielsetzung, Selbstbelohnung oder die Verdeutlichung des persönlichen Nutzens einer Aufgabe stärken.

Emotionen
Emotionen beeinflussen jede Phase des Lernens. Aktivierende Emotionen wie Freude und Lust fördern die Auseinandersetzung mit Inhalten, während deaktivierende Emotionen wie Langeweile und Hoffnungslosigkeit hinderlich sein können. Selbstregulierte Lernende erkennen ihre Emotionen und nutzen emotionale Regulationsstrategien wie Achtsamkeit oder Selbstinstruktion, um sie zu regulieren.

Ressourcen
SRL erfordert den bewussten Umgang mit internen (z. B. Konzentration) und externen Ressourcen (z. B. Lernumgebung, Hilfesuche). Lernende gestalten ihr Umfeld aktiv, organisieren Materialien und nutzen Unterstützung gezielt, um Herausforderungen zu bewältigen und sich nicht ablenken zu lassen.

Mindsets
Mindsets prägen die Haltung zum Lernen. Positive Denkweisen – wie etwa ein Growth Mindset (Dweck, 2017) – fördern die Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Anstrengung und Übung wachsen können. Lernende mit dieser Einstellung betrachten Fehler als Lerngelegenheiten und bleiben selbst bei Schwierigkeiten motiviert.

Alle sechs Kompetenzbereiche stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Sie greifen ineinander und steuern gemeinsam den Lernprozess. Diese gegenseitige Beeinflussung erzeugt die „Antriebskraft“ der Turbine – sie hält den Lernprozess in Bewegung und verleiht ihm Dynamik und Richtung.

Die drei Phasen des SRL-Zyklus

Das SRL-Turbinen-Modell integriert das dreiphasige Prozessmodell nach Zimmerman (2000), das SRL als zyklischen Ablauf beschreibt: die Phase der Vorbereitung, die Phase der Durchführung und die Phase der abschliessenden Reflexion.

  1. Vorbereitungsphase
    Analyse der Ausgangsbedingungen (u.a. Aufgabe, Lernumgebung), Zielsetzung, Auswahl von Strategien und Ressourcenplanung. Motivation und Selbstwirksamkeit spielen hier eine Schlüsselrolle.
  2. Durchführungsphase
    Umsetzung der Planung, kontinuierliches Monitoring, Anpassung von Strategien, Regulation von Motivation und Emotionen. Die Qualität des Strategieeinsatzes ist wichtiger als die blosse Lernzeit.
  3. Reflexionsphase
    Bewertung des Lernergebnisses, Analyse der Ursachen (Attribution), Ableitung von Verbesserungsvorschlägen. Erfolgreiche Reflexion stärkt die Selbstwirksamkeit und fördert zukünftiges Lernen.

Die drei Phasen verlaufen nicht immer linear, sondern bilden wiederkehrende Schleifen. In diesen Zyklen passen Lernende ihr Vorgehen fortlaufend an, reflektieren ihre Strategien und verbessern ihr Lernverhalten kontinuierlich.

Die Selbstbestimmungstheorie im Zentrum des SRL-Turbinen-Modells

Im Zentrum des SRL-Turbinen-Modells stehen drei Leitgedanken: Kompetenzen entfalten, eigenverantwortlich handeln und Beziehungen gestalten. Diese spiegeln die Grundbedürfnisse der Selbstbestimmungstheorie von Ryan and Deci (2020) wider:

  • Kompetenz: Lernende möchten sich als fähig erleben und Herausforderungen erfolgreich meistern können.
  • Autonomie: Lernende haben das Bedürfnis, selbstbestimmt zu handeln und ihren Lernprozess mitzugestalten - je nach Situation und Erfahrung wird dieses Bedürfnis unterschiedlich stark erlebt.
  • Soziale Eingebundenheit:  Lernende brauchen tragfähige Beziehungen und Unterstützung, um sich sicher und motiviert zu fühlen.

Damit entsteht eine wechselseitige Dynamik zwischen SRL und der Befriedigung grundlegender psychologischer Bedürfnisse: Erfüllte Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit schaffen die motivationalen Voraussetzungen für SRL. Gleichzeitig stärkt erfolgreiche Selbstregulation das Erleben eben dieser Bedürfnisse. Diese Rückkopplung ist zentral für die Entwicklung intrinsischer Motivation, das Wohlbefinden der Lernenden und nachhaltigen Lernerfolg.

Die Turbine in Gang bringen

Biologische Faktoren wie genetische Prädispositionen, Hirnreifung und Hirnplastizität bilden den Rahmen, innerhalb dessen sich Selbstregulationskompetenzen in Wechselwirkung mit der Umwelt entwickeln können. SRL ist keine angeborene Fähigkeit, sondern besteht aus entwicklungsfähigen Kompetenzen, die gezielt unterstützt und begleitet werden können.

Im Lernalltag wird SRL anhand konkreter Lernaufgaben eingeübt. Die Vermittlung erfolgt entweder direkt – etwa durch gezielte Instruktion verschiedener Strategien – oder indirekt, indem Lehrpersonen SRL-förderliche Lernaufgaben und -umgebungen gestalten, sodass Lernende wirksame Strategien anwenden.

Das SRL-Turbinen-Modell bietet eine hilfreiche Struktur, um diese Prozesse zu verstehen und gezielt zu fördern. Es zeigt, wie die sechs Kompetenzbereiche – Kognition, Metakognition, Motivation, Emotionen, Ressourcen und Mindsets – in jeder Phase des Lernprozesses ineinandergreifen und gemeinsam die Entwicklung von SRL unterstützen. Durch die gezielte Förderung aller sechs Kompetenzbereiche kann die „Antriebskraft“ der Turbine gestärkt werden – und damit die Fähigkeit der Lernenden, ihren Lernprozess selbstbestimmt, reflektiert und erfolgreich zu gestalten.

Quellen

Boekaerts, M. (1999). Self-regulated learning: where we are today. International Journal of Educational Research, 31, 445–457. https://doi.org/10.1016/S0883-0355(99)00014-2  

Karlen, Y. (2026). Gewusst wie! Selbstreguliertes Lernen im Schulalltag verankern. hep.

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2020). Intrinsic and extrinsic motivation from a self-determination theory perspective: Definitions, theory, practices, and future directions. Contemporary Educational Psychology, 61. https://doi.org/10.1016/j.cedpsych.2020.101860

Zimmerman, B. J. (2000). Attaining Self-Regulation. A Social Cognitive Perspective. In M. Boekaerts, P. R. Pintrich, & M. Zeidner (Eds.), Handbook of Self-Regulation (pp. 13–39). Academic Press.